Am 6. Februar 2026 fand im Stadtsaal des Wasserbaues der „Alten Baumwolle“ Flöha der jährliche Empfang anlässlich Lichtmess statt. Rund 200 Gäste – darunter politische Schwergewichte wie Landtagsabgeordnete, der Landrat, ehemalige und amtierende Bürgermeister, Vertreter der Wirtschaft sowie Personen der Stadtgesellschaft – sind zusammengekommen, um den Worten von Oberbürgermeister Volker Holuscha zu lauschen. Die Kulisse der „Alten Baumwolle“ erinnert an den Stolz vergangener Industriegeschichte, doch Volker Holuscha macht schnell klar: „Die Gegenwart ist kein Selbstläufer“, so der Oberbürgermeister. Seine Rede ist ein Balanceakt zwischen dem berechtigten Stolz auf das Erreichte und der berechtigten Sorge um eine Welt im Krisenmodus. Es geht um Zuversicht, die sich am harten Boden der kommunalen Finanzen messen lassen muss. „Es muss uns aber besorgen, wie sich in den letzten Jahren die Welt um uns und unsere kommunalpolitischen Rahmenbedingungen verändert haben“, so das Stadtoberhaupt.
Flöha hat im vergangenen Jahr bewiesen, dass eine Kleinstadt zur internationalen Bühne werden kann. Als Teil des „Purple Path“ der europäischen Kulturhauptstadt-Region Chemnitz 2025 hat sich der „Kunstbahnhof“ zum echten Besuchermagneten herausgeputzt. Rund 13.000 Gäste aus aller Welt strömten in die Stadt, um die Ausstellung „Verstrickungen“ des Institutes für Auslandsbeziehungen (ifa) zu sehen. Mit Projekten wie dem Videokunst-Werk „Ode an das Handwerk“ von Donata Wenders Ende 2025 zeigt Flöha, dass man auch das kulturelle Niveau halten will. Der Bahnhof ist nicht mehr nur ein Transitort, sondern ein Statement. „Reisende und Einwohner können nun wochentags die Bahnsteige wieder direkt durch das Bahnhofsgebäude passieren“, betonte Holuscha die praktische Bedeutung dieser städtebaulichen Transformation. Dank EFRE-Fördermitteln wurde zudem das Projekt „Quer gesponnen“ auf dem Bahnhofsvorplatz realisiert – ein Beweis dafür, dass die Stadtverwaltung ihre Hausaufgaben bei der Fördermittelakquise gemacht hat, um Visionen in Beton und Kultur zu gießen.
Doch der Glanz der Kulturprojekte täuscht nicht über tiefe Risse im gesellschaftlichen Gefüge hinweg. Holuscha fand deutliche, fast schon schmerzhaft ehrliche Worte für eine Entwicklung, die er als „Wohlstandsverwahrlosung“ bezeichnete. Ein Lebensstandard, der Teile der Gesellschaft „satt und emotionslos“ gemacht habe, führe zu einer gefährlichen Anspruchshaltung.
„Politik ist kein ‚Pizzaservice‘, der für alle Bedürfnisse schnell zu liefern hat. Und unser Sozialstaat ist kein Selbstbedienungsladen, der keiner Gegenleistung bedarf“ – Volker Holuscha
Besonders der Vandalismus – von extremistischen Schmierereien bis hin zu ganzjährigen Böllerexplosionen und der Vermüllung von Entsorgungsstellen – treibt den Oberbürgermeister um. Sein Ruf nach Eigenverantwortung ist ein Appell an die Elternhäuser und die Zivilgesellschaft. Auch das Reizthema Videoüberwachung sprach er offen an: In gefährdeten Bereichen sieht er sie als notwendiges Mittel zum Schutz des Allgemeinwohls. Wer die Freiheit zur Zerstörung nutzt, darf sich nicht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit berufen. Dass der Staat zeitgleich Gelder für Prävention kürzt, quittierte Holuscha – die gesellschaftlichen Folgekosten werden ein Vielfaches betragen. Er merkt an, dass „nur wir selbst, in der Erkenntnis, dass wir im gemeinsamen Respekt voreinander, Jüngere und Ältere, Wohlhabende und Bedürftige, politische Gegner und Andersdenkende, Andersaussehende, Andersfühlende und ausländische Mitbürger miteinander die Zukunft gestalten müssen!“, so der Kommunalpolitiker.
Trotz der gesellschaftlichen Reibungspunkte feiert Flöha handfeste Meilensteine. Die Einweihung des Marktplatzes am 6. Dezember 2025 war ein solcher Moment. Drei Millionen Euro wurden investiert, davon zwei Millionen aus Bund-Länder-Mitteln. Hier zeigt sich die Verbindung von Industriegeschichte und digitaler Zukunft: Das Projekt „Bankgeschichten“, das mit einem 3.000-Euro-Sonderpreis beim Wettbewerb „Ab in die Mitte“ ausgezeichnet wurde, lässt Besucher zukünftig via QR-Code an den Sitzbänken in die Historie der Baumwollspinnerei eintauchen. Diese digitale Brücke führt direkt zur neuen Dauerausstellung im Wasserbau, die am 31. Januar 2026 unter dem Titel „Visionäre und Spinner“ eröffnete. Ein Name, der bewusst doppeldeutig gewählt ist: Er ehrt die historischen Garn-Spinner, mahnt aber auch, dass Fortschritt immer „Visionäre“ braucht, die über den Tellerrand blicken – und sich nicht von den „Spinnern“ am rechten Rand oder den ewigen Nörglern ausbremsen lassen.
Als gelernter Bäcker weiß Volker Holuscha, dass man nur das backen kann, wofür das Mehl reicht. Und das Mehl – sprich: das Geld – wird knapp. Allein für 2026 wurden den Kommunen bereits vier neue gesetzliche Verordnungen vor die Füße geworfen, die Bürokratie und Kosten in die Höhe treiben, während die Einnahmen in einer „historischen Wirtschaftskrise“ wegbrechen.
Der Handlungsspielraum wird enger, die Gangart langsamer. Dennoch stehen die Prioritäten für 2026 fest:
- Die endgültige Fertigstellung des Marktplatzes.
- Die Neugestaltung des Baumwollparks und des Grüngürtels (unterstützt durch einen 718.000 Euro schweren Fördermittelbescheid).
- Die Sanierung der Seeberbrücke als Zugang zum Stadtzentrum für Fußgänger und Radfahrer.
- Vorantreiben der Vermarktung von Wohnbauflächen am Bergmannsteig.
Auch 2025 prägten engagierte Einwohner sowie zahlreiche Vereine ehrenamtlich das Stadtleben, vom Jubiläum der Flöhatalbahn mit Sonderzughalt in Flöha und Hetzdorf und Volksfest mit vielen Besuchern über die Aktivitäten des Falkenauer Heimatvereins mit der durch die LEADER-Region geförderten Einweihung eines Naturlehrpfades bis hin zu den vielfältigen Beiträgen des Gewerbe- und Festvereins, des Hetzdorfer-Viadukt-Vereins, der Feuerwehrvereine, der Arbeiterwohlfahrt, der Volkssolidarität und des Seniorenvereins Falkenau sowie der Sportvereine, die die Stadt auch über die Grenzen hinaus in Wettbewerben repräsentierten. So entstanden Veranstaltungen wie das Parkpicknick, Straßenfest, Maibaumsetzen, Naturlehrpark-Einweihung, Feuerwehrfesten und Weihnachtsmärkten.
In Zeiten knapper Kassen wird das Ehrenamt zur wertvollsten Währung der Stadt. Holuscha würdigte die Kameraden der Feuerwehr sowie die Polizei und die Pateneinheit der Bundeswehr-Sanitätsstaffel.
Drei Bürger wurden für ihren Einsatz im „Ehrenbuch“ verewigt:
- Thomas Engel, der sich im Förderverein der Oberschule und beim Minigolf des TSV 1848 unentbehrlich macht.
- Helga Rauschenbach, die mit ihrer Erforschung der Stadtgeschichte und ihren Lesungen Generationen verbindet.
- Kurt Lange (in Abwesenheit), dessen Lebensleistung in Sport und Kommunalpolitik das sportliche Gesicht Flöhas über Jahrzehnte prägte.
„Diese vielen stillen Helden sind der Kit in unserer Gesellschaft“, so Holuscha.
Flöhas Weg durch das Jahr 2026 ist kein Spaziergang, sondern harte Arbeit. „In der Vorschau auf das Jahr 2026 habe ich als gelernter Bäcker „kleinere Brötchen“ angekündigt. Die bereits erwähnten Rahmenbedingungen einer weiteren erfolgreichen Kommunalpolitik stehen derzeit unter keinem guten Stern., so Oberbürgermeister Volker Holuscha. Die Botschaft des Abends war jedoch klar: Realismus bedeutet nicht Resignation. Unter der Jahreslosung „Siehe, ich mache alles neu“ rief der Oberbürgermeister dazu auf, „dem guten Ende eine Chance zu geben“.
„Unser Land, der Landkreis und unsere Stadt sind schöner und erfolgreiche als es von manchen Miesmachen dargestellt wird“, betonte der Oberbürgermeister abschließend. Mit den Worten: „Eine erfolgreiche Kommunalpolitik ist nach meiner Erfahrung ein Stimmungsbarometer für die Menschen vor Ort. Das auch in schwierigen Zuversicht vermitteln kann. Wenn die große Politik das erkennen würde, in Form einer auskömmlichen finanziellen Ausstattung der Städte und Gemeinden, wäre nach meiner Überzeugung die Politikverdrossenheit halb so groß“, schloss Volker Holuscha seine Ansprache.
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